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jueves, 5 de mayo de 2011

Heleno Saña: Ist der Mensch heute frei?

La maledicció de la destrucció de l'imperi (Thomas Cole, 1836)

IST DER MENSCH HEUTE FREI?
Heleno Saña in UTOPIEkreativ

Freiheit kann nur in einer humanen Gesellschaft Wirklichkeit werden. Wir aber leben im Zeitalter des Inhumanen. Wir befinden uns inmitten einer neuen Bevormundung und Unfreiheit.

In seinem 1994 erschienenen Werk La cité de l'homme fragte sich der französische Politologe Pierre Manent: "Warum ist sich der moderne Mensch so sicher, immer freier zu sein, wenn er in Wirklichkeit immer unterworfener wird?" 1 Die Vorstellung von der immer größer werdenden Freiheit des Menschen ist ein Überbleibsel des aufklärerisch-bürgerlichen Denkens und dem aus ihm hervorgegangenen Mythos des unendlichen Fortschritts, ein Mythos, den das heutige herrschende System aus instrumentellen Gründen weiter pflegt und verbreitet. Der im Zusammenhang mit der ideologischen Konfrontation zwischen den kapitalistischen Ländern und dem Sowjetkommunismus entstandene Begriff "freie Welt" wird weiterhin benutzt, um den Menschen vorzugaukeln, dass sie in der besten aller möglichen Welten leben. Mit derselben oder ähnlichen Absicht spricht man von "civil society", Rechtsstaat oder Pluralismus.

Die Moderne, von John Locke bis Jean-Jacques Rousseau, ist von der Überzeugung ausgegangen, dass alle Menschen von Natur aus frei geboren sind. Dieselbe Auffassung liegt der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution zugrunde. Aber der Emanzipationsprozess gegen jegliche Form von Bevormundung und Unfreiheit ist bisher nicht nur unvollständig geblieben, sondern erlebt seit geraumer Zeit einen Rückfall in vergangene Zeiten. Wir besitzen heute zwar das allgemeine und gleiche Wahlrecht, aber trotzdem leben wir in keiner Demokratie, ein Begriff, welcher nichts anderes als Herrschaft des Volkes bedeutet. Wer heute regiert, ist nicht der souveräne Demos, sondern die oligarchische Macht des Kapitals. Entsprechend ist das demokratische Modell, das sich in den westlichen Ländern durchgesetzt hat, de facto eine Plutokratie oder Regierung der Reichen, auch wenn de jure wir alle als gleichberechtigte Bürger vor dem Gesetz gelten. Das Wahl- und andere Zivilrechte sind gewiss von unschätzbarem Wert, aber wenn sie von der Ungleichheit der Besitzverhältnisse abhängig werden, büßen sie ihren normativen Rang ein und verkümmern zu einem bedingten, zweitrangigen Gut. Dies ist genau, was heute geschieht.